HANNES HEER:

„Die andere Geschichte der Bundesrepublik.

Die großen Geschichtsskandale als Aufklärung und Aneignung der deutschen Schuld“

6 Vorträge am jeweils 3. Montag im Monat (März, April, Juni, September, Oktober, November), Beginn 20 Uhr, Eintritt 15,- /erm. 10,- Euro

 

Der Griff Nazideutschlands zur Weltmacht endete mit der totalen Niederlage und der Bilanz von 40 Millionen unschuldig Getöteter. Diese Schuld wurde von den Deutschen nie akzeptiert, sondern einer Bande von Kriminellen zugewiesen –„Hitler war’s“. In der BRD hat sich diese Wahrheit nur in Form ununterbrochener Tabubrüche durchgesetzt. Sechs Fälle aus dieser 60 jährigen Skandalgeschichte werden in der Vortragsreihe porträtiert.

 

In Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung
Unterstützt von der DPG (Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft)

 

Mo., 21. März:

„Nacht und Nebel“. Die Mörder sind unter uns oder der Film, mit dem alles anfing (1945-1956)

 

Mo., 18. April:                 

Die Kirchen – Säulen des Dritten Reiches und schweigende Komplizen. Rolf Hochhuth’s Theaterstück „Der Stellvertreter“ (1963-1965)

 

Mo., 20. Juni:

Der Aufstand gegen die Nazi-Generation und die erste Lebenslüge der Bundesrepublik. „Mein 68. Ein verspäteter Brief an meinen Vater“ (Film WDR 1988)

 

Mo., 19. September:

Die Konfrontation mit dem Massenmord an den Juden: „Holocaust“-Serie und „Historikerstreit“ (1979-1986)

 

Mo., 17. Oktober:

Die Wehrmachtsausstellung oder die Rückkehr der Täter (1995- 1999)

 

Mo., 21. November:

Die zweite Lebenslüge der Bundesrepublik „Wir sind ein normales Volk.“ Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche (1998)

 

 

 

 

1.

Mo., 21. März:

„Nacht und Nebel“. Die Mörder sind unter uns oder der Film, mit dem alles anfing (1945-1956)

Alain Resnais‘ 1955 gedrehter Film über Auschwitz und die Folgen wurde auf Antrag der Bundesregierung im April 1956 aus dem Programm der Filmfestspiele in Cannes gestrichen. Unter dem Druck internationaler und westdeutscher Proteste musste die Regierung durch den Ankauf von Kopien zumindest die nichtkommerzielle Nutzung des Films für Institutionen, Vereine und Schulen ermöglichen. Der Film wurde trotz dieser Zensur zum Wendepunkt der Erinnerungspolitik in der BRD und zur Keimzelle der späteren 68er Bewegung

 

2.

Mo., 18. April:

Die Kirchen – Säulen des Dritten Reiches und schweigende Komplizen. Rolf Hochhuth’s Theaterstück „Der Stellvertreter“ (1963-1965)

Was Nacht und Nebel für die Nachkriegsjugendlichen und den analytischen Zugang zu Filmen bedeutete, wurde Hochhuths Stück Der Stellvertreter für das westdeutsche Theater und die Mitglieder beider Kirchen: Der Papst Pius XII., der zum Holocaust geschwiegen hatte – aus Rücksicht auf die deutschen Katholiken und das angeblich unverzichtbare Bündnis mit Hitler gegen den Bolschewismus – wurde nicht nur zum Auslöser einer existentiellen Krise für Katholizismus und Protestantismus bezüglich der Jahre 1933 bis 1945 und der Lügen danach. Das Verhalten der Amtskirchen wie des Kirchenvolks war ein Exempel, wie durch Wegsehen und Tolerieren bzw. durch eine nicht an ethischen Normen sondern nur an kirchenpraktischem Nutzen orientierte „Realpolitik“ millionenfache Schuld entstehen konnte.

 

3.

Mo., 20. Juni:

Der Aufstand gegen die Nazi-Generation und die erste Lebenslüge der BRD. „Mein 68. Ein verspäteter Brief an meinen Vater“ (Film WDR 1988)

Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Dritten Reiches wurde in einem Aufstand einer neuen Generation, die erst im Krieg oder kurz danach geboren worden war, das Geschichtsbild der Täter und Täterinnen in Frage gestellt. Hatten die Väter und Mütter der rebellierenden Studenten ihre Nachkriegsidentität durch Auslöschung der Nazizeit und ihren Ausschluss aus der Erinnerung gewonnen, so begründeten ihre Söhne und Töchter eine neue Identität, indem sie die Verbrechen des NS- Regimes und deren Leugnung nach dem Krieg zum Dreh- und Angelpunkt der deutschen Geschichte erklärten und die Kritik daran zur unverzichtbaren Bedingung für das Entstehen einer demokratischen Kultur in Deutschland machten. Mit der Frage nach der Rolle der eigenen Familie in der NS-Zeit wurden die Normen einer universalistischen Moral als gültiger Maßstab des eigenen Lebens angenommen und zugleich in die deutsche Geschichte zurückgeholt. Saul Friedländer hat diesen Epochenbruch wie dessen Akteure präzise benannt: „Die Studenten stellten zum ersten Mal die Frage: ‚Wo warst du, Vater?‘“

 

4.

Mo., 19. September:

Die Konfrontation mit dem Massenmord an den Juden: „Holocaust“-Serie und „Historikerstreit“ (1979-1986)

Ein Jahrzehnt nach dem Höhepunkt der Studentenrevolte, die zu einer radikal-demokratischen Neubegründung der Bundesrepublik geführt hatte, löste die Ausstrahlung der vierteiligen amerikanischen Fernsehserie Holocaust auch einen Umschwung in der bundesdeutschen Bevölkerung bezüglich des Genozids an den Juden aus: Am Beispiel der jüdischen Familie Weiss und deren Nazi-Bekannten, dem SS-Offizier Dorf, wurde der Holocaust aus einem abstrakten Vorgang zu einem emotional aufwühlenden Beispiel für das Schicksal von Millionen von Opfern und für das Verhalten von Abermillionen Tätern. Der Historikerstreit von 1986 war das revisionistische Echo auf diesen Schock. Der Versuch von Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und Joachim Fest, den „Rassenmord“ der Nationalsozialisten an den Juden als Angst-Reaktion auf den „Klassenmord“ der angeblich jüdischen Bolschewiki am russischen Bürgertum zu deuten und so aus der deutschen Geschichte und Verantwortung zu entfernen, wurde von Jürgen Habermas und fortschrittlichen Historikern abgewehrt: Nur die universellen Menschenrechte könnten die Basis einer demokratischen Identität und Bezugspunkt eines bundesdeutschen „Verfassungspatriotismus“ sein.

 

5.

Mo., 17. Oktober:

Die Wehrmachtsausstellung oder die Rückkehr der Täter (1995- 1999)

Die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, die von 1995 bis 1999 in 34 deutschen und österreichischen Städten zu sehen war und fast eine Million Besucher fand, erzählte von einem zweiten deutschen Genozid: Sie belegte den Tatbestand, dass die Wehrmacht in Jugoslawien und in der Sowjetunion einen völkerrechtswidrigen Vernichtungskrieg geführt hatte, dem fast 30 Millionen Rotarmisten, Kriegsgefangene, Zivilisten und darunter auch mindestens 2 Millionen Juden zum Opfer gefallen waren. Mindestens 10 Millionen Soldaten waren für diese Verbrechen verantwortlich. Damit hatte sich die bisher gültige Legende von der „sauberen Wehrmacht“ erledigt. Auch in den Familien musste die Geschichte von Opa, Vater, Bruder und Onkel umgeschrieben werden. Die Ausstellung, die von Boykottaktionen des konservativen Lagers und Bombenanschlägen der Nazis begleitet war, wurde nach vier Jahren wegen angeblich gefälschter Fotos zurückgezogen und durch eine neue, „staatstragende“ ersetzt. Das Haupt der Medusa länger anzuschauen, hatte sich als zu schrecklich erwiesen.

6.

Mo., 21. November:

Die zweite Lebenslüge der Bundesrepublik „Wir sind ein normales Volk.“ Martin Walsers Rede in der Frankfurter Paulskirche (1998)

Die Debatte um Martin Walsers Frankfurter Friedenspreisrede 1998 entzündete sich an dessen Angriff auf die öffentlichen wie privaten Versuche, die Täter zu überführen und der Opfer zu gedenken. In der Auseinandersetzung mit Ignatz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, der gegen Walsers Lob des „Wegsehens“ und „Verdrängens“ protestiert hatte, präsentierte sich der ehemals „linke“ Dichter jetzt stolz als Sprecher der „schweigenden Mehrheit“ und Vertreter eines neuen, raffiniert getarnten Antisemitismus. Der Kern seiner Rede, artistisch versteckt, war die Drohung „Wir sind (wieder) ein normales Volk“, weil das Leiden unter den deutschen Verbrechen und die demütigende  „Resozialisierung“ der Deutschen als Verbrecher ein haben muss. Martin Walsers Rede und seine folgenden Wortmeldungen in der Debatte bestätigten die Prophezeiung des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“.