Mo., 18. April
20.00 Uhr
Eintritt: 15,-/erm.10,- Euro
Freie Platzwahl!


 

HANNES HEER:

Die andere Geschichte der Bundesrepublik.

Die großen Geschichtsskandale als Aufklärung und Aneignung der deutschen Schuld“ – 6 Vorträge am jeweils 3. Montag des Monats

2. Vortrag:

Die KirchenSäulen des Dritten Reiches und schweigende Komplizen. Rolf Hochhuths TheaterstückDer Stellvertreter(1963-1965)

 

Der Griff Nazideutschlands zur Weltmacht endete mit der totalen Niederlage und der Bilanz von 40 Millionen unschuldig Getöteter. Diese Schuld wurde von den Deutschen nie akzeptiert, sondern einer Bande von Kriminellen zugewiesen – „Hitler war’s“. In der BRD hat sich diese Wahrheit nur in Form ununterbrochener Tabubrüche durchgesetzt. Sechs Fälle aus dieser 60 jährigen Skandalgeschichte werden in der Vortragsreihe porträtiert.

„Der Stellvertreter“

Der SS-Offizier Kurt Gerstein, durch den, historisch verbürgt, die Vernichtungslager mit Zyklon B versorgt wurden, will 1942 den Papst zum Protest gegen den Judenmord bewegen. Da der Nuntius in Berlin den SS-Mann noch nicht einmal anhört, macht der anwesende junge Jesuit Riccardo Fontana Gersteins Anliegen zu seinem eigenen: Er informiert den Vatikan über die Mordpraktiken in Auschwitz und fordert ein Einschreiten. Als das unterbleibt, verlangt Riccardo im Oktober 1943, während die Juden Roms nach Auschwitz deportiert werden, in einer Begegnung mit Pius XII., spätestens jetzt zu protestieren. Als dieser sich mit Rücksicht auf die deutschen Katholiken und weil man Hitler noch zur Abwehr des Bolschewismus brauche, weigert, heftet der Priester sich einen Judenstern an und begleitet die römischen Juden nach Auschwitz und in den Tod. Die Uraufführung in Westberlin, die am 20. Februar 1963 in der Inszenierung von Erwin Piscator stattfand, empörte oder erschütterte das Publikum. Die hysterischen Reaktionen der katholischen Amtskirche, begleitet von den Gegenmaßnahmen der Bundesregierung, lösten eine tiefgreifende Debatte über die Rolle beider Kirchen im Nationalsozialismus aus: Sie offenbarte deren Mitschuld und führte zum Machtverlust in Politik und Öffentlichkeit. Während Der Stellvertreter in den westlichen Metropolen Triumphe feierte, wagten nach der Uraufführung nur acht westdeutsche Theater das Stück zu spielen: Die meisten Intendanten waren ehemalige NSDAP-Mitglieder und zeigten wenig Lust, Szenen und Begebenheiten aus ihrem vorigem Leben auf die Bühne zu bringen.

Der nächste Vortrag findet am Mo., 20.6. statt.

In Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung

Unterstützt von der DPG (Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft)

 

http://www.polittbuero.de/2016/03/21_03info.html