Mo., 30. Sept. + Di., 1. Okt.
 
 

BRUDER NORMAN!“ nach dem gleichnamigen Buch von NIKLAS FRANK
mit STEPHAN BENSON und CHRISTIAN NICKEL

Regie: WOLF-DIETRICH SPRENGER

 
 

Ein mörderischer Dialog unter Brüdern als deutsche Sezierstunde: erschütternd, schonungslos, abgründig. Normans verzweifelte Liebe zum Vater Hans Frank, Hitlers Generalgouverneur in Polen, der in Nürnberg hingerichtet worden ist, lässt seinen jüngeren Bruder Niklas nicht los. Sie ringen um die „Wahrheit“ von Gefühlen, die Macht der Verdrängung und die Frage: Wie überlebe ich es, das Kind des „Schlächters von Polen“ zu sein?

Was für ein Plot: Da spricht einer mit seinem am Suff gestorbenen Bruder, dem er versprochen hat, seinen Körper der Pathologie zu übereignen. Dort versucht er, ihm anlässlich des Sezier- Vorganges endlich auf die Spur zu kommen, ihn endlich zu verstehen. Je tiefer die Schnitte in die Muskulatur, das Fleisch, desto genauer und gnadenloser die Fragen an den Bruder, desto radikaler und schonungsloser das Sezieren der gemeinsamen Vergangenheit. Verstörend, brutal- und doch voller Verzweiflung, voll zärtlicher wie an die unweigerlich an ihre Grenzen stoßende Liebe angesichts dieser Biografie.

Stur und halsstarrig sind sie beide. Der eine Bruder, inzwischen 80 Jahre und Voll-Alkoholiker, besteht wider besseren Wissens auf seiner Liebe zu einem Verbrecher. Der andere, der jahrzehntelang recherchierte, um die Schuld des Vaters penibel zu dokumentieren, will, dass der Bruder dieser Liebe abschwört. Beide kämpfen um ihre Positionen, beide mit guten Argumenten, eloquent und auf Augenhöhe. Ein elegantes Fechten, ein kluger, verstörender Schlagabtausch. Ein bislang einzigartiger Versuch, den Massenmord an den Juden als familiäres Erbe zu verarbeiten.

 

DER AUTOR

SZ-Magazin: Herr Frank, warum tragen Sie seit vierzig Jahren ein Foto mit sich, das den Leichnam Ihres gehenkten Vaters zeigt?

Niklas Frank: Ich will jeden Tag sichergehen, dass er tot ist.

Hier zum vollständigen Interview von Sven Michaelsen im Magazins der Süddeutschen Zeitung, Heft 11/ 2014: https://sz magazin.sueddeutsche.de/maenner/niklas-frank-80291

 

NIKLAS FRANK studierte Germanistik, Soziologie und Geschichte. Er wurde Journalist und arbeitete ab 1979 als Reporter beim Wochenmagazin „Stern“.

Ihm eilt der Ruf eines Familienmörders voraus. Mit dem Vater hat er in seinem ersten Buch, das 1987 herauskam, radikal abgerechnet. Hans Frank, der einstige Generalgouverneur im besetzten Polen, wurde nach den Nürnberger Prozessen 1946 gehängt. Der Mutter, der selbsternannten "Königin von Polen", machte er 2005 den Prozess ("Meine deutsche Mutter"). "Bruder Norman" lautet der dritte Teil der Familien-Trilogie und Grundlage unserer Inszenierung.

Niklas Frank: „Es gibt Väter, die zeugen einen täglich neu. So, wie der meine mich. Ich schlug mich mit ihm herum, ein Leben lang. Erst innerlich. Dann exhibitionierte ich, schrieb einen wüsten Text, ungefiltert durch bürgerlichen Geschmack, genau so ekelhaft, wie deutsche und österreichische Bürger während des ‚Dritten Reiches‘ ihren Verbrechen nachgingen, oder Hitler und seine Verbrecher schützten, stützten, verehrten, liebten – und die große Zeit bis heute nicht vergessen haben. (…) Wenn man seinen Vater verfolgt, wie ich, wenn man in sein Hirn hineinkriecht, wie ich, wenn man seine Feigheiten studiert, und sie wieder findet, wie ich bei mir, wenn man bei den Recherchen sieht, welch Gierzapfen meine Mutter war, wie sie das Generalgouvernement Polen als Supermarkt auffasste, in dem sie als ‚Frau Generalgouverneur‘ die Preise selbst bestimmen konnte, wenn man, wie ich mit ihr, durch die Gettos fuhr und Pelze auflud aus den jüdischen Geschäften, deren Inhaber fälschlicherweise glaubten, durch Brigitte Frank ihr Leben retten zu können, dann kann aus all dem Leid und Hass zwischen den Leichenbergen nur eines entstehen: Die Groteske.“

DIE SCHAUSPIELER

STEPHAN BENSON lebt heute nach Theaterengagements unter anderem am Staatstheater Stuttgart, am Schauspielhaus Zürich und am Hamburger Thalia Theater als freischaffender Künstler in Hamburg. Er ist als Schauspieler in Serien, Krimi-Reihen und Fernsehfilmen ebenso zu sehen wie in ambitionierten Film- und Theaterproduktionen.

Benson ist außerdem ein renommierter Hörbuch- und Synchronsprecher sowie Interpret bei literarischen Veranstaltungen. Er gab seine Stimme unter anderem Kenneth Branagh, Billy Bob Thornton, Josh Lucas und Daniel Craig.

CHRISTIAN NICKEL studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. Dort wurde er von Peter Stein entdeckt, unter dessen Regie er 1997 sein Bühnendebüt bei den Salzburger Festspielen gab. Im selben Jahr wurde er ans Schauspiel Frankfurt engagiert. Weitere Stationen seiner Bühnenlaufbahn: Das Wiener Burgtheater, das Residenztheater in München, das Schauspiel Köln, das Frankfurter Theater am Turm sowie in Berlin das Maxim-Gorki-Theater und das Berliner Ensemble. Seit 2012 ist Nickel am Theater in der Josefstadt verpflichtet.

DER REGISSEUR

Wolf-Dietrich Sprenger studierte in Berlin Germanistik und Theaterwissenschaft. Nach Engagements in Flensburg und Krefeld wurde Sprenger Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, wo er u.a. mit Luc Bondy und Peter Zadek arbeitete. Unter der Intendanz von Jürgen Flimm kam er ans Schauspiel Köln und schließlich zurück nach Hamburg ans Thalia Theater. Seit Beginn der 80er Jahre führt Wolf-Dietrich Sprenger regelmäßig Regie und inszeniert u.a. am Hamburger Ernst-Deutsch Theater, am Düsseldorfer Schauspielhaus, am Schauspielhaus Zürich und am Thalia Theater.

 

Kritiken:


https://www.welt.de/print/die_welt/hamburg/article199914660/Polittbuero-Bruder-Norman-will-nichts-vom-Holocaust-wissen.html

„Bruder Norman“ will nichts vom Holocaust wissen

09.09.2019

Von Sören Ingwersen

Normans Leiche liegt auf dem Seziertisch. Niklas wäre bei der Präparation gern dabei, doch Verwandte sind nicht zugelassen. Der dubiose Wunsch ist Sinnbild für die Besessenheit des jüngeren Bruders, dem Verstorbenen die tiefe Wahrheit über die Vergangenheit zu entreißen. Tatsächlich streift Norman das weiße Tuch ab und wird auf der Bühne im Polittbüro wieder lebendig, wo Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger mit zwei fantastischen Schauspielern in die Abgründe der deutsch-polnischen Geschichte schaut und dort seelische Verwüstungen aufspürt, die bis heute nachwirken.Vom Schwarz-Weiß-Foto aus wirft der 1946 in Nürnberg als Kriegsverbrecher hingerichtete Vater einen strengen Blick auf seine Söhne. Auch Original-Tonaufnahmen werden eingespielt, auf denen Hans Frank, der als Hitlers Generalgouverneur in Polen zum millionenfachen Judenmörder wurde, völkisch-rassistische Reden schwingt. Ein quälendes Erbe, dem Norman sich nie gestellt hat, denn er liebte seinen Vater. Christian Nickel zeigt einen Menschen, der den Gedanken an die unfassbaren Verbrechen seines Erzeugers im Alkohol ertränkt, der beschwingt torkelnd Fragen seines Bruder ausweicht und Witzchen macht, um sich Tatsachen nicht stellen zu müssen.

Unnachgiebig streng, wie ein TV-Kommissar alter Schule, sucht Stephan Benson als Niklas nach Normans Mitschuld. Er hat die Gräueltaten des Vaters journalistisch aufgearbeitet und kann Normals blinde Verehrung nicht begreifen. Die atmosphärisch dichte, psychologisch packende Inszenierung ergreift für keinen der Brüder Partei, darin liegt eine ihrer Stärken. 2013 veröffentliche Niklas Frank die Dialoge mit seinem Bruder als Buch, das Sprengers Theater zugrunde liegt. Dass Geschichte immer die Geschichte von Menschen ist, wurde vollends spürbar, als der 80-jährige Autor Niklas Frank sich vor dem begeisterten Premierenpublikum verbeugte.

 


 

 


 

 

 

Nach unseren erfolgreichen Inszenierungen von „Am Beispiel meines Bruders“ von UWE TIMM und „Doitscha“ von ADRIANA ALTARAS bringen wir auch diesmal wieder eine Uraufführung auf unsere Bühne- gefördert durch Mittel der Kulturbehörde. Wir bedanken uns für das entgegengebrachte Vertrauen und die Unterstützung, ohne die wir unser Vorhaben nicht realisieren könnten.

 

 

2016 erschien das Buch „Dunkle Seele – feiges Maul“, in dem Niklas Frank anhand von Entnazifizierungsakten aus verschiedenen Landesarchiven einen weiteren Blick auf die Schuld der Deutschen und den Umgang mit dieser nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wirft. Die von ihm darin vertretene These lautet, "dass ein direkter Weg von der missglückten Entnazifizierung in das schwer rechtslastige Verhalten der schweigenden Mehrheit der Deutschen von heute" führe.