Di., 27. und Mi., 28. Sept.
20.00 Uhr
Eintritt: 15,-/erm.10,- Euro
Freie Platzwahl!


 

BECKETT- BECKETT- HACKS
SAMUEL BECKETT: "Ohio Impromptu" und "Rockaby"
PETER HACKS: "Die Höflichkeit der Genies"
MIT YURI BECKERS, TOMMASO CACCIAPUOTI, KAI HUFNAGEL.
Live- Musik: OLIVER RAU, Violine und das CANEA-QUARTETT
Bühnenbild: Gunter Schmidt, Frank Schmidt
Mit einer Einführung von HENNING VENSKE (Regie)

 

 

Dass der Regisseur dieses Abends der wohl letzte noch lebende Regieassistent Samuel Becketts ist, erfüllt uns mit Stolz - und unser Publikum sicher mit Neugier. Aus den Erinnerungen von Henning Venske:

 

1965 wurde auf der Bühne des West-Berliner SchillertheatersWarten auf Godotvon Samuel Beckett geprobt. Regie führte Deryk Mendel, ich war Regieassistent. Den Pozzo spielte der große Minetti.

 

Ein Beispiel aus dem Text im zweiten Akt vonWarten auf Godot:

Wladimir sagt:Lass uns trotzdem den Baum machen, fürs Gleichgewicht.

Estragon fragt:Den Baum?

 

Diese Stelle hat viel Zeit gekostet. Minetti interpretierte das Blaue vom Himmel herunter.

Da lag die Idee nahe: Der Autor lebt doch, vielleicht hat er Lust, mal vorbeizuschauen? Beckett kam und übernahm die Regie. Außer Minetti fanden das alle prima.

 

Als wir an die StelleLass uns den Baum machenkamen, holte Minetti wieder mal zu einer gestelzten Erklärung aus, deren Absurdität ich leider vergessen habe. Beckett ließ ihn ausreden, und dann sagte er, und dabei lächelte er nicht, denn er war keiner, der sich über das Nichtwissen anderer Leute lustig machte:Der Baum? Das ist eine Yogafigur, und dabei stand er kerzengrade und legte seine rechte Fußsohle an den Unterschenkel des linken Beins.

 

SAMUEL BECKETTS Kurzdramen (Aufführungsrechte Suhrkamp Verlag Berlin) sind wahre Kleinode sprachlicher Verknappung. Absurde kleine Bruchstücke voll knochentrockenem Humor wechseln sich mit nachdenklichen, fast endzeitlichen Textstellen ab. Das sind die für Beckett so typischen Variationen des vereinzelten Menschen: Selbstbetrüger, Bilder, die aus dem Dunkeln aufsteigen, das Undurchsichtige. Was auf den ersten Blick abstrakt daherkommt, schlägt einem im nächsten Moment konkret in die Magengrube.

 

In PETER HACKS’ Dramolett (Aufführungsrechte Drei Masken Verlag München) kommt es zu einer beispielhaften Begegnung zweier Geistesgrößen: Albert Einstein, das höfliche Genie, reist nach Kalifornien, um Yehudi Menuhin ein Kompliment über seine Interpretation des E-moll-Violinkonzerts von Mendelssohn zu machen. Von der Schwester Menuhins wird er zur Reparatur einer Türklingel genötigt - er sei doch Physiker… ...Konstitutiv für Hacks’ Weltbild ist eine unbedingte Neigung zur Vernunft, worunter nicht nur eine allgemeine Freude am Denken sowie eine Abneigung gegen das Irrationale zu verstehen ist, sondern auch ein starkes Interesse daran, mit dem Denken zu Resultaten zu kommen. Und so erzählt sein Stück nicht nur die Geschichte zweier Genies, die sich gegenseitig die Ideale ihres Denkens erläutern, sondern auch die Türklingel ist zum Schluss repariert UND, das freut uns besonders: Auch der erste Satz des Violinkonzertes wird gespielt. Jeden Abend live- Auf unserer Bühne!! - An dieser Stelle unser Dank an die Hochschule für Musik und Theater Hamburg für die freundliche Kooperation.

 

Vor 40 Jahren, 1976, hat die Ostberliner Akademie der Künste unter der Leitung von Peter Hacks über Samuel Beckett diskutiert. Peter Hacks erklärte damals: „Ich denke, die Ungewissheit und vage Unschärfe Becketts ist bei ihm Prinzip. Seine Lehrstücke sind Lehrstücke über das Lernen von Zustimmung und über Akzeptanz. Und was immer man liest - es enthält die Botschaft: Es ist hoffnungslos und wird so bleiben. Die Hoffnungslosigkeit ist gottgewollt. Deswegen, denke ich, ist er schlimmer als alle unsere Feinde.“

 

Samuel Beckett und Peter Hacks an einem Abend: das gibt’s also selten. Man kann auch nicht den einen zur Fortsetzung des anderen erklären.

 

Der eine, Hacks, ein Klassiker, baut auf gesellschaftliche Analyse in kulinarischer Form. Der andere, Beckett, ein Romantiker, liefert Raum für ungebremstes spekulatives Interpretieren. Beiden Schriftstellern geht es in ihren Texten um „letzte Fragen“, um den Wert unserer Normen und den drohenden Verlust der Zivilisation. Beide setzen bei der Radikalität ihrer Inhalte auf eine strenge Ästhetik der Sprache. Beide haben daran gearbeitet, die Grenzen des modernen Theaters auszudehnen. Deswegen spielen wir Beckett und Hacks an einem Abend.

Wie schon unserer Produktionen der letzten Jahre, so wird auch dieser Abend von der Kulturbehörde Hamburg gefördert. Wir freuen uns sehr darüber und bedanken uns für das entgegengebrachte Vertrauen.