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Zur Vers-
und Kaderschmiede
(im Polittbüro, Steindamm 45)
Zwischen dem Tag, als Lisa Politt und Gunter Schmidt Theaterdirektoren
wurden und mich fragten, ob ich nicht eine Reihe dort veranstalten
wolle und dem ersten meines Urlaubs, lagen nicht viele Tage.
So muss, in Wahrheit natürlich nicht nur aus Zeitgründen,
auf die Vorstellung eines Konzepts verzichtet, negativ bestimmt
werden: Dem Anspruch, wenn man sich sein Geld schon sauer verdient
habe, und wenn man es schon für den Erwerb einer Eintrittskarte
auszugeben bereit sei, dann wolle man sich nicht auch noch mit mühsamer
Aneignung und Verarbeitung abquälen, dafür sei die Realität
schon anstrengend genug soll nicht nachgegeben werden.
Dagegen wendet der erfolgreiche Mensch, der sich für die Behauptung,
er stehe mit beiden Beinen im Leben, nicht schämt, meistens
ein: Das verspricht aber wenig Erfolg! Beließe er es dabei,
könnte man ihm recht geben, vielleicht mit dem beschwichtigendenVerweis,
dass Hamburg ja eine ziemlich große Stadt sei und das Theater
ein kleines.
Leider begnügen sich die mit beiden Beinen im Leben Stehenden
jedoch mit der Prognose der Erfolglosigkeit nicht, sondern satteln
drauf, es sei arrogant, elitär. So spricht der Demokrat, der
weiß, und mit Einschaltquoten beweist, was der "kleine
Mann" nach einem harten Arbeitstag sich wünscht. Indem
er ein solcher Demokrat ist, das versteht sich von selbst, hat er
keinen Einwand gegen den harten Arbeitstag. Dass dieser ein Grund
sein könnte, warum die im Arbeitsprozess Gedemütigten
gegen den ihnen vorgesetzten Schund nicht rebellieren, ihn vielmehr
konsumieren, kommt denen, die ihn erfolgreich verkaufen, aus guten
Gründen nicht in den Sinn: "Der Herrschaft passte es ins
Konzept, wenn das, was sie aus den Massen gemacht hat und wozu sie
die Massen drillt, aufs Schuldkonto der Massen verbucht würde."
(Adorno)
Die Massen verachten und sich als Diener ihrer Bedürfnisse
gerieren trennt kein Millimeter. Die Vers- und Kaderschmiede wird
also, wenn nicht ignoriert, des Elitären und der Arroganz bezichtigt
werden. Die Tatsache, dass im ersten halben Jahr auch recht erfolgreiche
Autoren gelesen, namhafte Künstler auftreten werden (deren
Qualität ich bewundere), wird diese Prognose nicht außer
Kraft setzen. Der Vorwurf wird unabhängig von der Intention
von Autoren und Künstlern erhoben, ihm nachzugeben ist der
Fehler. Hermann L. Gremliza (was wird das wohl für ein Abend,
gemeinsam mit Dietmar Mues und Dieter Glawischnik?) sagt selbst,
dass die von ihm herausgegebene Zeitschrift "konkret"
ihre schlechteste Zeit hatte, als sie populär gemacht werden
sollte.
Die größte Anstrengung verstandenen zu werden, hilft
oft nichts. Ich war einmal in einer Vorstellung von Lisa Politt
und Gunter Schmidt, bei der die ersten zehn Sitzreihen von Teilnehmern
eines Betriebsausflugs eines Chemiekonzerns aus Mannheim belegt
waren. Lisa und Gunter stehen ja wirklich nicht in der Tradition
von Samuel Beckett, aber besser hätte der auch kaum fassen
können, wie fremd Menschen einander sind. Mit Kunstwerken verhält
es sich ja erfreulicherweise manchmal so, dass sie
die (politischen) Postulate derer, die sie erschaffen, übertreffen.
Zum Beweis (und um auf seinen Auftritt im November hinzuweisen)
nehme ich Franz Josef Degenhardt, der das nicht verübeln möge.
Er ist ein Meister der Erhellung durch wenige Worte ("mit jenem
Zug zum Höheren um Nase, Kinn und Mund"), der Genauigkeit,
der Zwischentöne, der Differenziertheit und dennoch
floss aus seiner Feder: "Zwischentöne sind bloß
Krampf, im Klassenkampf."
Das ist eine lange Geschichte, mit Kommunisten und Zwischentönen,
Kommunisten und neuen Tönen, Kommunisten und künstlerischer
Avantgarde. Es soll Thema werden, im Jahr 2004. Erst kürzlich
entdeckte ich wieder, dass es der so verdienstvolle Kaderschmied
Lenin war, der gegenüber Maxim Gorki auftrumpfte: "Wer
nicht mit uns ist, ist gegen uns." Das hat viele, die mit Lenin,
aber keine sozialistischen Realisten, sein wollten, einiges gekostet.
Die Häme im Westen, sie hätten sich, wenn sie sich den
Kommunisten, die ihr künstlerisches Schaffen nicht schätzten,
anschlossen, selbst in den Finger geschnitten, war stets niederträchtig.
Und niederträchtig war auch, wie das künstlerisches Werk
derer diffamiert wurde, die sich entschieden in der DDR zu arbeiten,
als die Blöcke gegeneinander standen. Nicht nur aus solchen
Erwägungen, aber auch aus solchen, freue ich mich, dass Hannelore
Hoger einen Abend lang Anna Seghers liest. (Und eine Woche später
lesen Hoger und Doris Gercke Texte von Doris Gercke.)
Den Auftakt der Reihe gestalten Sylvia Wempner, Rolf Becker und
Michael Weber, die Texte von Ariel Dorfman als szenische Lesung
vortragen und so an den Militärputsch in Chile erinnern und
herausarbeiten werden, was es für die Opfer bedeutet, wenn
die Täter unbestraft bleiben.
Ferner haben zugesagt, für zwei Abende voller sarkastischer
Dialoge, Rainer Trampert und ich, die in höchsten Tönen
zu preisen wären, würde Eigenlob nicht stinken. Für
jene, die uns kennen, nur der Hinweis, es wird einiges Premiere
haben, aus diesem Anlass erstmals vorgetragen werden.Meistens, übrigens,
werden die Autoren und Künstler nach dem "offiziellen
Teil" für Diskussionen sich stellen. Im Foyer oder umliegenden
Lokalen. Hier soll fast alles erlaubt sein, von Nachfrage bis Verriss.
Nur eine Frage ist tabu: "Ja, und was sollen wir jetzt tun?"
Sie ist tabu, weil sie die verkleidete Frechheit jener ist, die
sich auf das Dargebotene nicht einlassen wollen.
Thomas Ebermannv 22.09. Rolf Becker, Michael Weber und Sylvia Wempner
Szenische Lesung aus Werken von Ariel Dorfman, 30 Jahre nach
dem Militärputsch in Chile
v 5. + 6.10. Rainer Trampert und Thomas Ebermann Sarkastische
Dialoge, neue Folge
v 20.10. Hermann L. Gremliza, Dietmar Mues, Dieter Glawischnik
Karl Marx trifft Karl May. Und die Musi spielt dazu
v 24.11. Franz Josef Degenhardt liest, klampft und singt
v 08.12. Hannelore Hoger liest von Anna Seghers "Jans muss
sterben"
v 15.12. Doris Gercke und Hannelore Hoger lesen Doris Gercke
Einzelheiten
unter www.polittbuero.de
Kartentelefon 280 55 467
Vorverkauf auch im Café Gnosa, Lange Reihe 93 und bei Schanzenbuch,
Schulterblatt 55
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